„Erebos“ – Ursula Poznanski | Buchrezension

„Warum begegne ich immer wieder diesem Buch?“, dachte ich, als ich neulich über einen Flohmarkt schlenderte. Fast aus jeder zweiten Kiste glotze mich das Auge auf der dem auffälligen roten Wälzer mit dem geprägten Buchdeckel an. Es gewann sogar den Deutschen Literaturpreis. ‚Soll ich oder soll ich nicht?‘, war bei der zehnten Kiste die letzte Frage, die ich mir stellte. Ich sollte. Und wurde von Erebos neu interpretiertem ‚Puppenspiel für Generation Y‘ nicht enttäuscht – zumindest nicht vollständig. 😉

Klappentext: „In einer Londoner Schule wird ein Computerspiel herumgereicht – Erebos. Wer es startet, kommt nicht mehr davon los. Dabei sind die Regeln äußerst streng: Jeder hat nur eine Chance. Er darf mit niemandem darüber reden und muss immer allein spielen. Und wer gegen die Regeln verstößt oder seine Aufgaben nicht erfüllt, fliegt raus und kann Erebos auch nicht mehr starten. Erebos lässt Fiktion und Wirklichkeit auf irritierende Weise verschwimmen: Die Aufgaben, die das Spiel stellt, müssen in der realen Welt ausgeführt werden. Auch Nick ist süchtig nach Erebos – bis es ihm befiehlt, einen Menschen umzubringen …

Bekkas Meinung

Der Rückentext macht Laune auf mehr, verrät jedoch mit keiner Silbe, was genau den Leser erwartet. Dementsprechend gespannt war ich auf den Inhalt und las tatsächlich in einem Stück 100 Seiten sofort weg. Warum? Vielleicht helfen etwas mehr Details: Wir begleiten Nick, Schüler an einer Londoner Schule, wie er Zeuge davon wird, wie sich seine Mitschüler zunehmend merkwürdig verhalten, während über den Schulhof verschwiegen kopierte CD’s herumgereicht werden. Als auch sein Kumpel Colin sich abkapselt, nicht mehr zum Unterricht kommt und auch nicht mehr auf seine Nachrichten reagiert, siegt Nicks Neugier und er geht der Sache auf den Grund, als auch er – endlich! – eine der CDs in die Hand gedrückt bekommt. Mit den Auflagen nur allein zu spielen und niemandem etwas zu verraten. Sehr schnell wird auch er infiziert.

Nur so viel sei verraten: Erebos ist ein Spiel. Ein geniales, süchtig machendes perfektes Spiel. Und ganz sicher kein gewöhnliches, denn es verfolgt einen ganz anderen Plan, als seine Spieler bloß zu unterhalten. Ein modernes Trojanisches Pferd sozusagen.

Der Inhalt reizt meinen persönlichen Geschmack und innerhalb einer Woche lese ich Erebos komplett durch, begegne dem Ausgang jedoch kritisch. Ohne Frage ist das Buch gut: Spannend geschrieben, immer wieder mit neuen Cliffhangern von Kapitel zu Kapitel bestückt, reizt es weiterzulesen, um dem großen Rätsel dahinter schnell auf die Spur zu kommen. Schlussendlich wirkt die große Auflösung nach meinem Geschmack jedoch zu schnell runtererzählt und das große Ganze verliert seine Magie, ebenso wie die Magie auch bei den Erebos-Spielern schließlich verfliegt und das böse Erwachen naht. Da trifft Jugendbuch-Fiktion wieder knallhart den Asphaltboden der Zeigefinger-Realität. Die Moral schlägt einen förmlich nieder! Das Buch deshalb links liegen zu lassen wäre zu plump und käme der schöpferischen Qualität der Autorin nicht gerecht. Letztendlich will das Buch Jugendliche nur zu einem kritischeren Medienkonsum ermuntern und nicht nur den Zeigefinger heben. Ne gute Sache. 🙂

Insgesamt bin ich von dem Buch nach wie vor mehr angetan als abgeneigt. Es ist spannend und da es mein erstes Buch von Ursula Poznanski war, werde ich gerne auch andere Bücher demnächst in die Hand nehmen. Nachdem ich sie auf der Frankfurter Buchmesse 2017 live getroffen habe, steht ihr aktuelles Buch Aquala bereits in meinem Bücherregal. 🙂

Übrigens hat sich auch das Rätsel um die ‚Erebos-Flut‘ auf dem Flohmarkt zwischenzeitlich geklärt:  Es ist Unterrichtsstoff! Tatsächlich werden dazu in deutschen Schulen sogar Lesetagebücher und Klassenarbeiten geschrieben.

Mein Lieblings-Lesemoment (Spoilergefahr!)

Nick fliegt raus. 😀 Bin ich schadenfroh, wenn ich das, als meinen liebsten Lesemoment beschreibe? Ich denke nicht, vielmehr war ich erleichtert, als dieser Twist in einem Moment entstand, in dem er sich schon im inneren Kreis wähnte und ich damit haderte, dass das Buch tatsächlich bereits im Mittelteil so brutal werden könnte. Er fliegt raus und das ist auch gut so. Oder hättet ihr gerne gelesen, wie er skrupellos seinen Lehrer vergiftet, nur weil das Spiel es euch befiehlt um aufzuleveln?

Soundtrack-Empfehlung zum Buch?

Die Musik des Spiels wird in einigen Zeilen im Buch beschrieben. Mal mehr Pfeifen, mal mehr Bläser, aber immer einnehmend und einlullend in die fantastische Spielwelt Erebos. Der kriegerische Fantasy-Aspekt dahinter würde gut mit mittelalterlich klingelnder Musik harmonisieren, wobei die dagegen abgestumpfte Realität besser zu düsteren Synthieklängen passt. Hört mal bei der deutschen Mittelalter-Metal-Band Equilibrium und den Editors rein – eine gute Einstimmung, die die Kontraste gut hervor hebt.

Fazit

Erebos fesselt und weiß seinen pädagogischen Wert zunächst kunstvoll zu kaschieren, um es einen später um die Ohren zu hauen. Ein attraktiver Lesestoff an deutschen Schulen abseits von Faust oder dem leidenden Werther. Wer Jugendbücher mit Fantasy-Aspekten und Bücher wie ‚Nerve‘ verschlingt, wird zu diesem Buch definitiv nicht nein sagen können. Jedoch hat mich das konstruierte Ende und die viel zu schnell abgehandelte Auflösung dahinter enttäuscht – eine detailreichere detektivische Aufklärung hätte mir mehr gefallen. 🙂

Meine Wertung: 3 von 5 Pixelpunkten

Titel: Erebos
Autor: Ursula Poznanski
Verlag: Loewe
Seitenanzahl: 488 Seiten
Erstveröffentlichung: Januar 2010
ISBN: 9783785573617

Buchhandelspreis: 9,95 EUR

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